BALLETTANZ AKTUELL, Von Robert von Lucius (FAZ)

MeMoRe: Die Tapetenschichten des zeitgenössischen Tanzes, betrachtet von Tomi Paasonen


Erinnerungen – das sind nur Fragmente, die Assoziationen auslösen, einige dem Gedächtnis wichtige Brocken, deren Lücken dann die Phantasie ausfüllt. So spricht nicht ein Neurologe, sondern ein Choreograph – obwohl er dann anfügt: durch Wiederholung entstandene und gestärkte neurologische Netzwerke, aktiviert durch Abrufreiz und in einem chaotischen Register nach Wichtigkeit geordnet. Wie wenige andere in der Tanzwelt beschäftigt sich der Finne Tomi Paasonen mit Erinnerung, Körper, Bewegung und deren Beziehung zueinander. Was er liest und erkennt, setzt er auf meist kleinen Bühnen um in anspruchsvolle Stücke: Tanz und Erinnerung sind dabei Hauptthemen, aber nicht die einzigen, dazu kommen etwa Haut, die Verletzlichkeit des menschlichen Körpers, Grenzzustände, physische und geistige Behinderungen. Schon eine solche Trennung Physis und Geist aber würde Paasonen für falsch halten, denn der Kopf sei ja ein Teil des Körpers, und wo ziehe man denn die Grenze zwischen Gedanken, Erinnerungen, physischen Bewegungen und der Beweglichkeit der Gedankenabläufe. Im Gehirn kreuze sich das materielle und das geistige; und „das Erinnern“ sei ein durchaus physischer Vorgang.
Ausgeprägt wurde diese Zuwendung, seitdem der Solotänzer bei John Neumeier am Hamburg Ballett, der einige Jahre in Chicago tanzte und in San Francisco eine eigene Compagnie Kunst-Stoff leitete, aufgrund eines Bühnenunfalls vor sieben Jahren selber nicht mehr tanzen konnte. In seinem jüngsten Werk „Überhauptsächlich - Chorstück für einen Mann“ (getanzt vom Griechen Jorgos Fokianos) im Berliner Dock11 ging es um Schizophrenie, Gespaltenheit, die Auszweigung des Ichs, Spiegelbilder und widersprüchliche Identitäten; in „MeMoRe – auf der Suche nach dem Roten Faden“ in der Alten Weberei in Alt-Stralau um Tauschen und Täuschen, um Folgen einer Handlung und um Zufall oder nicht in seiner „autobiographischen audiovisuellen Tanztheater-Symphonie“; und in „Olotila“, einem Ende 2004 am Theater Hebbel-am-Ufer wiederaufgeführten Stück mit Behinderten, um den Kult am gesunden Körper und die Grenzen von Körperlichkeit.
Nicht nur der Unfall, bei dem ein Stück der Bühnendecke auf ihn fiel, trug zu dieser Konzentration auf „Körper und Erinnerung“ bei, sondern auch sein Umzug nach Berlin vor vier Jahren. Bis dahin empfand der 35 Jahre alte Paasonen, der Finnland im Alter von 17 Jahren verließ und damit „sein finnisches Eis zum Schmelzen brachte“, sich stets als „Koffermensch ohne Zuhause“ im ständigen Vorwärtsschreiten ohne Rückblick. Berlin bedeutete für ihn zum einen eine Rückkehr nach Europa, und dann, mit der eigenen Wohnung vor zwei Jahren, erstmals ein Ort, an dem er alle seine Bücher und Habseligkeiten an einem Ort hatte. Gleich zwei neue Vergangenheiten stürzten auf ihn ein – die der Wohnung, deren sechs Tapetenschichten an jeder Wand er zwei Monate lang abkratzte, und seine eigene: Nun hatte er Tagebücher und Fotos um sich herum. Und damit auch fast plötzlich das Thema Erinnerung, das er künstlerisch zu erforschen suchte; und wissenschaftlich.
Die meisten körperlichen Funktionen, so erkannte er, gründeten sich auf ältere Teile des Gehirns – wie auch der Instinkt, eine Art Urgedächtnis und Reflexschutz als Überlebenshilfe-, das bewegungsbewußte Handeln des Menschen (mit beobachten, spüren, züchten und trainieren) aber auf der Neo-Kortex, der jüngsten Gehirnschicht. Gerade in Bezug auf Theater, Bewegung und Kunst reizte ihn das Verhältnis von Instinkt, Zwangsläufigkeit und Kontrolle. So fügt er auf der Bühne die unbewußte, untrainierte und „wahre“ Bewegungsqualität von Laiendarstellern zusammen mit dem geschliffenen, artikulierten und künstlichen eines Tänzers, der seine physische Intelligenz weit entwickelt hat. Es gilt für ihn, aus Gelerntem und Erfahrenen Neues zu schöpfen, aber zugleich altgewohnte Muster zu brechen.
Nicht zufällig setzte Paasonen in „MeMoRe“ nicht nur Tänzer mit und ohne Bühnenerfahrung ein, sondern auch einen Neurologen. Dabei brachte er Lebenserfahrung und Bewegungssprache eines jeden auf der Bühne in seine Choreographie ein. Er las unbändig, etwa über Loop-Theorien, die Verknüpfung von Wiederholung und Gedächtnis. Wiederholen, schloss Tomi Paasonen daraus, sei Vorwärtserinnern, und Erinnern sei Rückwärtswiederholen. Sichtbar machte er das etwa in „Nahme Wieder Gabe Auf“, auch im Dock 11 in der Kastanienallee aufgeführt - ein Werk über Wiederholung und Unterschiede, Erinnerung und Werden, die Suche nach sich selbst. Erinnerung wird durch Wiederholung gestärkt, im Leben wie im Tanz; und dann ist ein Löschen schwerer. Und wer auf der Bühne oder im Leben ohne Erinnerung reagiere, nur nach Instinkt, sei wie ein Fisch im Wasser, in einer Endlosschleife ohne Vergangenheit, Zukunft oder eigener Identität.
Dabei sei, glaubt Paasonen – der auch mal Gastdozent über Tanz von Berlin bis Freiburg ist, oder Fotograf, Filmemacher oder Opernregisseur in seiner Geburtsstadt Helsinki -, die Erinnerung überaus unzuverlässig. Ersetzt wird sie wiederum durch die Phantasie - Erinnerung und Phantasie seien Verbündete, die einander ergänzten. Dieser Spannungsbogen Wirklichkeit und Lüge findet sich wieder auf der Bühne. Theater müsse auch Lüge zeigen, sonst sei es weder spannend noch Theater.




Arnd Wesemann, Tanz Aktuell

MeMoRe – auf der Suche nach dem roten Faden


Einbeinig steht der Tänzer an der Ballettstange. Ohne ein zweites Bein, das er heben könnte. Seine makellose Haltung bewirkt, dass man sich dieses abwesende Bein trotzdem mühelos als hebend hinzudenkt. Homer Avila hieß dieser brilliante amerikanische Tänzer, der nach seinem Beinamputation 2001 den Beweis antrat, dass Tanz mit drei Gliedermaßen ein ästhetisches Erlebnis erste Güte ist. Letzten April verstorben, widmet ihm der ehemalige Neumeier-Tänzer Tomi Paasonen nun das Stück MeMoRe.

Wie neuronale Verknüpfungen spinnen sechs Tänzer Fäden auf der kleinen Bühne der neuen Berliner Spielstädte Alte Weberei auf der Halbinsel Stralau. Mittig steht eine Waschmaschine, die die Knäuel vergangener Vorstellungen reinigt. Sie bestimmt auch die Choreographie vom Schongang zum Schleuderprogramm. Bilder an den nackten Wänden illuminieren Erinnerungen, Paasonens großes Thema, das wie in seiner letzten Performance im April „Nahme Wieder Gabe Auf“ um die Wiederholung und Veränderung des erlernten kreiste – und diesmal Buchstäblich kreiselt. Es geht um das Memorieren einer Textpassage, um den evolutionären Zweck der Erinnerung, also die Geschichte, es geht um die eigene fragmentarische Erinnerung, die sich mit Familienfotos und einem einst getanzten Choreographie begnügt, um beim Zuschauer sofort ein Gefühl von Melancholie und Verlust zu erzeugen. Philosophisch angetrieben, ist Paasonen keine große Choreographie, dafür eine buchstäbliche Meditation gelungen, schon, weil er von der Mitte des Raums aus die Bilder dirigiert. Fehlt nur, dass er sich auch an den Tanz erinnert. Ans muscle memory. Oder an die Geschichte dieser flüchtigen Kunst.





FAZ, Robert von Lucius

Rote Zwirne der Erinnerung
Tomi Paasonen krempelt den finnischen zeitgenössischen Tanz um


Die Zuschauer sitzen auf Schemeln im Raum verteilt und wissen gar nicht, wo sie hin schauen sollen, von Farben und Reizen überschwemmt. Sechs Tänzer und Tänzerinnen zwirbeln, immer dichter, bunte Fäden um sie herum, halten auch mal ein und raunen den Betrachtern Verschwörerisches oder Unziemliches ins Ohr oder fotografieren sie mit Polaroid. An den Wänden wechseln Bilder aus den Lebensgeschichten dieser sechs mit historischen Fotos, umgeben von Stahlnetzen, Glühlampen, Papierstriefen. Die Musik kommt von einem selbstgebauten Instrument. In der Mitte steht am elektronischen Gerät auf der Waschmaschine mit Schleudergang der finnische Choreograph Tomi Paasonen, der das Ungewöhnliche liebt und bietet – sein Stück „MeMoRe – auf der Suche nach dem roten Faden“ etwa in Oslo und davor in der Alten Weberei in Berlin. Selbst innerhalb der zeitgenössischen finnischen Tanzes, der nicht wenige unkonventionelle Choreographen hervorbrachte, hebt Paasonen, der seit vier Jahren in Berlin lebt, sich ab.

Paasonen liebt zu verwirren und Grenzen zu verwischen, auch zwischen „Mainstream“ und Peripherie, so wie seine Szenenbilder oft in Licht oder Rauch verfließen. Ebenso wenig will sich der 35 Jahre alte frühere Solotänzer bei John Neumeier am Hamburg Ballett in seinen Medien festlegen lassen. Neben Tanzfilmen, Fotoausstellungen und Gastdozenturen für Tanz von Berlin bis Freiburg führte er Regie bei einer Debussy-Oper in seiner Geburtsstadt Helsinki. Dort wurde sein Stück „Olotila“ (Seinszustand) im Jahr 2000 ausgezeichnet als „Theaterereignis des Jahres“; Ende 2004 brachte er es, wiederum mit behinderten und professionellen Tänzern gemeinsam, in Berlin auf die Bühne des Hebbel-am-Ufer Theaters und Anfang dieses Jahres ein vielschichtiges Tanzsolo mit Jorgos Fokianos im Dock11.

In „MeMoRe – auf der Suche nach dem roten Faden“ ging Paasonen dem „Zufall oder nicht“ nach, zeigte, wie Details eines jeden Lebens sich verstricken, das „Tauschen und Täuschen“ dieser Momente. Daher gewann er einen Neurologen ohne Bühnenerfahrung als einen der Tänzer der „autobiographischen audiovisuellen Tanztheater-Symphonie“, die alle Reiznerven ansprach. Ereignisse seines Lebens, die ihm nicht aus dem Sinn wollen, haben ihn wie sein Werk geprägt – als eine Frau sich von einem Balkon zu Tode stürzte, als er mit dem Fahrrad vorbeikam; und als eine Decke bei einer Probe auf ihn einstürzte, und das gleich zweimal. Der Unfall hat seinen Entschluss bekräftigt, behutsam mit Behinderten zu arbeiten, und wohl auch die eckigen, roboterhaften Bewegungsabläufen der Tänze. Ihn fasziniert das Zerbrechliche, auch des Körpers.

Als er in Finnland im Alter von siebzehn verließ, schmolz auch sein „finnisches Eis“. Sein erstes langes eigenes Stück choreographierte er als Einundzwanzigjähriger für die Kampnagel Fabrik in Hamburg. Einige Jahre tanzte er in Chicago, in San Francisco leitete er eine von ihm gegründete Compagnie KUNST-STOFF.

Paasonen steht in einer Reihe mit anderen finnischen Choreographen und Tänzern, die im Ausland arbeiten wie Kenneth Kvanrström, der vor gut einem Jahr die Leitung der wichtigsten schwedischen Tanzbühne, Dansens Hus in Stockholm, übernahm, und die ebenfalls in Stockholm angesiedelte Tänzerin Virpi Pähkinen. In Finnland sei das Herz und die Energie, sagt Kvanström, in Schweden aber das Geld, das auf die Bühne zu bringen.

Dabei bietet Finnland einiges für zeitgenössischen Tanz – von der Zodiak-Bühne für neuen Tanz in der sprudelnden Kabelfabrik über die Tanzfestspiele Kuopio, das älteste Tanzfestival Nordeuropas, und die „Vollmondtänze“ in Pyhäjärvi bis zu vor einem vierteljahrhundert gegründeten Informationszentrum für Tanz mit einer Vierteljahrszeitschrift; und von 2005 gibt es mehr Steuergelder für den Tanz. Zu den bekannten finnischen Choreographen zählt Tero Saarinen, der die Bühne als Leinwand sieht, auf die er Farbe fügt. Was an seinem Tanz finnisch sei? Seine Stücke, sagt Saarinen, gingen um einen kleinen Menschen in einer Welt der Stürme, geleitet in seiner Einsamkeit von größeren Mächten.


Finnischer Tanz, davon scheinen sich die Choreographen in Helsinki einig, haben einiges, was es unter anderen nationalen Tanztraditionen hervorhebe: einen minimalistischen Humor, eine mystische, fast spirituelle Qualität, eine Hinwendung zu Stimmung eher als zu Inhalten. Dazu komme eine ausgefeilte Licht- und Akustikregie, wohl aufgrund der starken finnischen Theatertradition auch in Kleinstädten. Tomi Paasonen steht, ob er es will oder nicht, in dieser Tradition. In einem unterscheidet er sich von „dem Finnischen“ im Tanz: langsam, bedächtig, ohne starke Geschehnisse und Verschiebungen sind seine Stücke nicht, dafür sprüht er zu sehr von Tatendrang.




Neue Deutschland, Von Nino Ketschagmadse

HIRNWÄSCHE
Tanzstück >>MeMoRe – auf der Suche nach dem roten Faden<<


“Es ist ein Versuch, sich gleichsam a posteriori eine Vergangenheit zu geben, aus dem man stammen möchte.“ Immer wieder versucht ein junger Mann, sich einen langen Satz auswendig zu lernen, scheitert aber.

An der Wand hinter ihm flimmern projektierte Bilder, fließen in einander. Zu sehen sind lächelnde Menschen auf seinen alten Familienfotos. Der Raum Alte Weberei auf der Halbinsel Stralau, in dem Erinnerungen „gewaschen“ werden, ist mit einem roten Teppich ausgelegt. In der Mitte thront eine Waschmaschine. Um sie herum sitzen Zuschauer auf Hocker. Der junge Mann schaltet die Maschine ein, der Feinwaschgang beginnt. Angetrieben von den Geräuschen, erscheinen langsam fünf weitere Tänzer. Mit fleißenden, zum Teil schneller werdenden Bewegungen spannen sie bunte Fäden quer durch den Raum für ein Netz von wahren oder zurechtgelegten Erinnerungen.

Im Tanzstück „MeMoRe – auf der Suche nach dem roten Faden“ begibt sich Tomi Paasonens Tanztheater PAA (Public Artistic Affairs) auf den weg ins menschliche Gehirn, an jenen Ort, der gleichzeitig für Erinnerung Fantasie und Träume genützt wird. Die beim Waschgang gezeigten dokumentarischen Aufnahmen von Fotos und bewegten Bildern sind auch Teil der Vergangenheit der Darsteller. Wohl deshalb wirken die mal zaghaften, mal expressiven tänzerischen Bewegungen stimmig. Zerreißen dabei einige Fäden im Mittlerweile dichtgewordenen Netz, rücken andere Akteure an, um es zu flicken.





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