| TAZ 02/2004, Katrin Krause Die Wiederkehr der Bananenstaude Ist Erinnerung nichts anderes als Wiederholung rückwärts? Die Performance „Nahme Wieder Gabe Auf“ im Dock11 spielt mit dieser Vorstellung. Ein Zeittunnel öffnet sich und Tänzer hasten den eigene Bildern in Projektionen nach. Der Abend beginnt mit einer Aufforderung: „Lassen Sie sich nicht überraschen!“ Doch ist man nicht genau deshalb gekommen, um sich überraschen zu lassen, zu sehen, was man noch nicht gesehen hat? „Nahme Wieder Gabe Auf“, das Stück des finnischen Choreographen Tomi Paasonen am Dock11, aber will ein Spiel mit allem sein, zu dem sich der Titel zusammensetzen lässt. Paasonen spielt mit der Rolle der Darsteller ebenso wie mit der Zuschauerrolle. Vor allem aber geht es ihm um eines: um Wiederholung. Wo es um Wiederholung geht, das ist Lektion Nummer eins, da geht es um Differenz. Yuko Matsuyama, die in der Art strahlender Conférenciers das Publikum mehrfach begrüßt hat, verlässt den Raum durch die Stahltür am Bühnenende. Sie wird wieder hereinkommen, wieder und wieder, ihre Worte wiederholen, und mit der gleichen Bananenstaude in der Hand. Allein: Sie wird immer anders gekleidet sein. Zu Cembaloklängen wird es dunkel, und Körper von Yannis Adoniou, den Matsuyamas Weg kreuzt, zur Gliederpuppe. Er wird gezogen, er schiebt nach, strebt in verschiedene Richtungen, gleitet zurück in die Achse. Es durchfährt seinen Körper, mal wie ein Hauch, mal wie ein Stoß, er gibt nach, gibt sich hin. Matsuyama kommt zurück, die Bananen in der Hand: „Darf ich vorstellen: eine Vorstellung, eine Vorstellung ganz nach unsere Vorstellung. Falls die Vorstellung nicht ihre Vorstellung von einer Vorstellung entspricht, sollten Sie sich nicht so anstellen. Stellen Sie sich auf der Stelle ihre eigene Vorstellung vor, während wir unsere Vorstellung so wie wir es uns vorgestellt haben zu ende Vorstellen...“ Sie geht, Adoniou tanzt erneut. Das was er gerade schon tanzte, ist jetzt an das rohe Mauerwerk projiziert. So tanzt Adoniou einer eigenen Gestalt hinterher, nur ist die immer schneller, immer zuerst da, wo er hinstrebt. Schließlich ist der Tänzer fünfmal zu sehen: Da sind seine drei Vorgänger, da ist sein Schatten an der Wand, viel größer als alle, und da ist er selbst. Es hat etwas von der Dramatik des Stummfilms, wie sie alle dem Ersten nachhasten, wie sie immer schneller zu werden scheinen. Die mehrfachen Projektionen ziehen den Raum auf und öffnen ihn für ein Vergangenes. Wenn Carlos Osatinsky, der dritte Mitspieler, von seinem eigenen Bild überblendet an der Wand lehnt, wirkt das Mauerwerk wie eine Straßenflucht. Vor Jahren mag er so gestanden haben, Erinnerung an eine ferne Zeit. Dies sind die stärksten Momente des Abends, wenn die übereinander gelegten Bilder die Zeit auffächern. Wiederholung und Erinnerung, so steht es im Beitext, seien dieselbe Bewegung, nur in entgegengesetzter Richtung: „Was man erinnert, ist gewesen und wird rückwärts wiederholt, die Wiederholung wird vorwärts erinnert. Auch Tanzenlernen funktioniert so – nachtanzen, wieder und wieder dieselbe Bewegung. Wo es um Wiederholung geht, das ist eine andere Lektion, da ist der Ennui nicht fern. „Nahme Wieder Gabe Auf“ lässt diesen Ennui mit maliziösem Vergnügen entstehen. Das macht Spaß, bis es gegen Ende allzu offenkundig Bizarr wird. Da wird ein Industriegeräusch langsam zum veritablem Lärm, als Projektion sind Treppen aus Metallgittern zu sehen. Matsuyama singt, später kreischt, in allen Sprachen die „Frère Jacques“ während sich Adoniou im Albtraum der immer schneller werdenden Treppen herumstoßt. Ein Ewigkeit mag man hoffen das Ende erreicht zu haben. Im Gedächtnis bleiben die dichteren Bilder. |
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