| BallettTanz Aktuell, Arndt Wesemann Der blinde Mann fragt ob Bilder gehörlos sind. Er glaubt es, denn zu ihm sprechen sie nicht. Sari Salovaara hat einen rheumatisch versteiften Rücken und einen Hund namens Jesperi. Sie schiebt Kalle-Antti Raunu durch den Raum, der sechsmal mehr Elektrizität in seinen Nervenbahnen zu ertragen hat wie ein gewöhnlicher Mensch. Er zittert ununterbrochen. Zuhause hat er einen Apparat am Tisch, in den er, um zu essen, eine Gabel einspannt. Er bedient einen großen Hebel, der über Wellen und Lager seine zuckenden Bewegungen dämpft. Kalle-Antti ist Tänzer geworden, um sein zittern zu beherrschen: Mitglied der finnischen Gruppe Rajat’on, was soviel heißt wie <<Grenzen-Los>>. Ein Wortspiel. Es besagt, dass das Schicksal dem Körper Grenzen setzt. Und der Körper keine Grenzen hat. Olotila (Dasein/Seinszustand)heißt das aktuelle Stück der Gruppe, choreographiert von John Neumeiers ehemaliger Solisten Tomi Paasonen. Paasonen, lässt den Blinden, den Zitternden und die Rollstuhlfahrer zu Chopins <<Sylphiden>> tanzen. Das Publikum gerät aus dem Häuschen. In den gebrechen ihrer Körper gefangen, entsteht seltener Schönheit. Auf Krücken tanzen sie auf schleifender Spitze um Tuuli Helkky Helle herum. Sie ist kaum ein Meter groß. Wie ein Säugling sitzt sie in einer Wolke aus Tutus und lacht aus vollem Herzen. Sprechen kann sie kaum. Sie ist in Finnland eine bekannte Dichterin, rezitiert ein Gedicht, und der Gebärdendolmetscher übersetzt: <<Finden Sie sprechen schwer? / Ohne Zweifel / Denn es gibt so viel zu sagen / Wenn nichts zu sagen ist, kann man noch Worte sagen / Was verstanden wird ist das Problem der Zuhörer.>> Stumm bleiben nur die Bewegungen der <<echten>> Tänzer. Riikka Kekäläinen und Günther Grollitsch sind nur nötig, um den Fluss der Bewegung in Ganz zu setzen. Ihr Schöntanzen prallt aber obszön auf die aus reiner Notwendigkeit bestehenden Bewegungen der Lahme. Wie von selbst übertreffen diese das Technische ihrer klassische trainierten Helfer an Schönheit, Kraft und Eleganz. |
| Neue Zürcher Zeitung, von Milo Rau Einmal Wirklichkeit, bitte «Simple life» – Theaterfestival in Berlin Es gibt das Leben, und es gibt das Theater. Dazwischen gibt es Berührungspunkte, mehr nicht. Wie schwierig es ist, dokumentarisches oder überhaupt nur die Wirklichkeit streifendes Theater zu machen, wie unvermeidbar der «Freak» geworden ist – das bewies die Eröffnungsinszenierung «White Star» (Victoria, Belgien). Die aufgeputscht moralische Korrektheit und Pseudo Wahrhaftigkeit, mit der die Regisseurin Lies Pauwels von «Aussenseitern» erzählte, war – mit ihren in Geschrei und Tränen der Selbstergriffenheit abgleitenden Szenen – geradezu erdrückend. Alles wurde durchbuchstabiert, auch der Rechtsradikale und die Selbstmörderin durften nicht fehlen. Meilenweit davon entfernt und wie von einem andern Stern mutete dagegen das Gastspiel der Tanzgemeinschaft Helsinki an («Olotila»). Der Regisseur und Choreograf Tomi Paasonen hat mit behinderten und nichtbehinderten Tänzern ein schwebendes, stilles, oft selbstironisches Stück um Liebe und Verletzlichkeit geschaffen – ein zärtlich langsames Ballett in Rollstühlen und Spitzenschuhen, das gleichsam von einer Aura der Menschlichkeit umgeben war. Daneben sah jede Ästhetik des Schocks und des tobsüchtig eingeforderten Gefühls blass aus. Strafgefangene, die Pasolini spielten (Compagnia della Fortezza, Italien); geistig Behinderte, die anhand von Sartres «Huis clos» über Ausgrenzung nachdachten (Compagnie de l'Oiseau Mouche, Frankreich); der mürrische Hochstapler und Postbote Gert Postel, der von seinen Jahren als falscher PsychiatrieArzt erzählte – das Festival zeigte Möglichkeiten eines Theaters jenseits technisch erzwungener Authentizität und wild assoziierender Bühnenclowns. Wo bare Reproduktion und billige Kritik aus körperlichen und professionellen Gründen keinen Platz haben, bei Behinderten und Laien, entwickelt die Repräsentation ihre ursprüngliche, reinigende Kraft. Solches «Dokumentar»Theater, wenn es gelingt, befreit nicht nur seine Darsteller von ihrer oft quälenden Rolle, sondern auch den Zuschauer. Für einige Augenblicke fällt der penetrante Zwang zur Perfektion von einem ab, und fast vergisst man, dass es sich (gerade dann!) um Kunst handelt. |
| Helsingin Sanomat (Hauptzeitung von Helsinki) 15.9.2000, von Jussi Tossavainen Tanz mit Spitzenschuhen und Krücken Das hervorragende Stück “OloTila” (=ZuStand) verbindet die Behinderten mit den Gesunden. Die Rajat’on (=Grenzen’los) Tanzgesellschaft, die aus behinderten und gesunden Tänzern besteht, hat eine kluge Wahl getroffen, als sie Tomi Paasonen gebeten hat, ein Stück für sie zu choreographieren. OloTila ist ein strahlend lustiges, liebevoll ironisches, dramatisch berührendes und außerordentlich erfinderisches Stück Tanztheater. Das Beste ist, daß es Paasonen gelingt, die Gesunden und die Behinderten so nahtlos miteinander zu integrieren, daß das Publikum alle Vorurteile gegen “behinderten Tanz” verliert. Tomi Paasonen ist selbst ein ehemaliger Spitzentänzer, der wegen eines Unfalls in einem Chicagoer Tanzstudio seine internationale Tanzkarriere abbrechen mußte. Zum Glück scheint er als Choreograph und Regisseur viel zu sagen zu haben, was er mit OloTila beweist, das trotz fast 2-stündiger Länge das Publikum fest an die Sitzplätze genagelt hat. Paasonen benützt sein Material hervorragend –er bringt jeden Ausdruck zur Schau, egal um welche physische Begrenzung es sich handelt. Dies gelingt ihm mit Rajat’on weit besser als der bekannten britischen Tanztruppe CandoCo. OloTila is viel weiter entwickelt in künstlerischem Ehrgeiz, Kompromißlosigkeit und sogar in der politischen Aussage. OloTila läßt keinen Platz für Mitleid oder Sympathie, sondern verdient das Lob ganz einfach weil es eine glänzende Vorstellung ist. Die Struktur von OloTila ist fast sketchartig. Es besteht aus Szenen, die zusammen gehalten werden von dem Gedanken der Körperlichkeit und von ihrer Verletzlichkeit und ihren Begrenzungen, und einem Körperkult der für die Gesundheit steht. Die erschütternsten Momente entstehen aus Kontrasten, die Paasonen mit Absicht anbietet. Der Morgenwecker klingelt: “Wach auf, heute ist ein schöner Tag” und sofort danach folgt eine Selbstmordgeschichte einer jungen bedrängten Frau. Sogar die dramatischsten Momente werden vom Pathos bewahrt, weil sie immer mit sarkastischen Kontrasten aufgelockert werden. Am meisten zu bewundern sind die Selbstkritik und Selbstironie, mit der Paasonen und die Rajat’on Gruppe sich gegenüber sich selbst und fast allem anderen verhalten. Niemand wird ausgespart: Nicht die Behinderten selbst, nicht die Gesunden, nicht mal die ganze Gesellschaft. Es ist fantastisch, daß dieses Thema so frei von Konventionen und political correctness bearbeitet werden kann. Wir sehen eine Werbung, wo das Rollstuhlmodel “Millennium” mit Handyhalter vorgezeigt wird. Wir begegnen Miss Blind, die von einem Mann gespielt wird, und sofort danach präsentiert sich die berauschende Miss Handicap! Und man muß auch eine Variation von dem Ballett Don Quijote erwähnen, das jedoch nicht mit Worten zu beschreiben ist. Paasonen macht alles genau wie man es nicht machen soll. Er setzt die Schwerbehinderte Tuuli Helkky Helle ein, eine Rede zu halten. Das Publikum versteht kein Wort von dem was sie sagt, also benützt er Günther Grollitsch als Dolmetscher, der ihre Worte mit starkem deutschen Akzent ausspricht. Und der Inhalt der Rede ist natürlich die Leichtigkeit des Redens! “Das Verstehen von dem, was gesagt wird, ist das Problem der Zuhörer”. OloTila ist ein virtuoses Spiel endloser Reihen von erfindungsreichen, ironischen und intelligenten Szenen. Es bringt alle Darsteller auf den gleichen Ausgangspunkt, so daß am Ende schwer zu sagen ist, wer eigentlich behindert ist. Manchmal ist der behinderte Bewegungsablauf der Ausgangspunkt für die Choreographie, die dann die gesunden Tänzer auch wiederholen. Verpassen Sie bitte nicht diese Vorstellung, wenn sie ihre Gedanken auslüften und ein kitzelndes lustiges Tanztheater genießen wollen. |
| Kritik von Päivi Nikkilä im Theater Magazin (Teatteri Lehti) Tanz von vollem Herzen OloTila (=ZuStand) öffnet neue Türen in die Menschheit Im September hat man in den Vorstellungsräumen von Zodiak in der Kabelfabrik schwindelerregenden Tanz erlebt. Rajat’on (=Grenzen’los) Tanzgemeinschaft hat Tomi Paasonen gebeten, ein gemeinsames Tanzstück für behinderte und nicht behinderte Tänzer zu inszenieren. Paasonen ist ein ehemaliger erstklassiger Ballettänzer, der hauptsächlich im Ausland gearbeitet hat und der wegen eines Unfalls seine Tanzkarriere vor ein paar Jahren aufgeben mußte. Rajat’on Tanzgemeinschaft, deren Projekte für behinderte Tanzenthusiasten bis zum professionelle Tänzer angelegt sind, ist seit 1994 aktiv. Die OloTila Vorstellung hat mich zum Weinen, Lachen und Wundern gebracht. Das Stück erzählt von Erfahrungen und dem Leben mit Behinderungen. Das Thema wird als Teil des Mensch-Seins aufgefaßt, nicht als eine unangenehme und fremde Last, die uns Gesunden erspart ist. Die Vorstellung ist in enger Zusammenarbeit mit der ganzen Gruppe entstanden. Die zwei ersten Probewochen verbrachte der Choreograph mit Grundlagenarbeit, indem er eine Bewegungssprache suchte und entwickelte. Der Regisseur hat die behinderten Tänzer zu Hause besucht und hat sich mit deren physischen und psychischen Ressourcen bekannt gemacht. Das Motto war, daß niemand etwas machen darf, was er nicht machen möchte. Das Spielen sollte Spaß machen und Genuß sein, weil das Leben sowieso nicht so einfach ist. Paasonen meint, daß seine Rolle nicht nur die eines Choreographen war, sondern auch des Vermittlers und Übersetzers. Er hat den Tänzern viel zugehört und hat jedem Platz gelassen, aus seiner körperlichen Leistungsfähigkeit Bewegung zu erschaffen. Der Prozeß war am wichtigsten. Der Regisseur wollte sich jedoch auf konkrete und echte Themen konzentrieren, um die Riffe der Pseudokunst zu umschiffen. Die Nebeneinanderstellung von Technologie und Biologie ist deswegen das Hauptthema. Die Arbeit war “wie das Abenteuer eines Schatzgräbers im dunklen und fremden Wald.” Die Vorstellung war bewundernswert selbstironisch, auch berührend plump, aber nie zynisch oder pathetisch. Nie hat man mit dem Behindertendasein versucht zu schockieren. Ganz im Gegenteil, die Tänzer haben sich mutig an Aufgaben gewagt und dabei Spaß gehabt an Aufgaben, die sie normalerwiese unmöglich hätten machen können. Der erste Akt handelt von der Geburt; wir verfolgen den Prozeß des Gelähmtwerdens und den Kampf mit der Behinderung. Im zweiten Akt haben wir den größten Schmerz hinter uns gelassen und aus der Erzählung entwickeln sich Szenen, von denen eine berührender ist als die andere. Und dies ist das Geheimnis des Stückes. OloTila wirkt für uns, dem größtenteils physisch nicht-behinderten Publikum wie ein Spiegel unserer eigenen inneren Welt. Es handelt empfindliche und schmerzhafte Themen so direkt und mit Herz ab, daß man als Zuschauer nicht die Möglichkeit hat, seine eigene Empfindsamkeit hinter einem Panzer zu verstecken. Und wenn eine Tür aufgemacht worden ist und die Sache aufrecht vorgestellt wird, ohne unnötig zu erzählen und ohne sich hinter einer Rolle zu verbergen, ist dies sehr ergreifend. In dieser Vorstellung begegnete ich Seiten des Lebens, die uns allen bekannt sind: unsere Unvollständigkeit und Wertlosigkeit wie auch Freude, Stolz und Liebe. Wenn man Wahrnehmungen, Behauptungen und Erlebnisse über die Grundfragen des Lebens so offen und robust präsentiert bekommt, macht es einen völlig wehrlos. |
| 25.1.01 Helsingin Sanomat Tomi Paasonen und Rajat’on (=Grenzen’los) Tanzgemeinschaft werden mit Preis gekrönt. Choreograph Tomi Paasonen und Rajat’on Tanzgemeinschaft wurden gestern mit dem vom Theater Zentrum jährlich ausgegebenen “Theater Ereignis des Jahres” gekrönt, für ihr zeitgenössisches Tanzstück OloTila (=ZuStand). OloTila hatte ausverkaufte Vorstellungen im September im Zodiak Theater in der Kabelfabrik. Eine Wiederaufnahme ist geplant im Zodiak von 14.-25.3.01. Choreograph Tomi Paasonen ist ein ehemaliger Ballettänzer, der seine Karriere als Tänzer wegen eines Unfalls abbrechen mußte. Rajat’on dagegen vereinigt Behinderte und professionelle Tänzer in ihrer Arbeit. In der gemeinsamen Vorstellung hat Paasonen die Bewegungsmöglichkeiten jedes Auftretenden hervorragend genützt. In der Preisbegründung des Theater Zentrums wird festgestellt: “OloTila nähert sich menschlichen Problemen direkt und berührend. Rajat’on Tanzgemeinschaft verdient den Dank für ihre nahtlose Zusammenarbeit und für ein Tanzstück, das erfinderisch und auf eine lustige Weise Vorurteile auflöst.” Turun Sanomat Rajat’on (=Grenzen’los) Tanz Gemeinschaft bekommt den “Theater Ereignis des Jahres 2000” Preis. Rajat’on Tanz Gemeinschaft bekommt den jährlich vom Theater Zentrum verliehenen Preis für ihr zeitgenössisches Tanztheaterstück OloTila. OloTila war Teil ihrer ‘Grenzen’los Tanz 2000’ Initiative, die versucht, Zusammenarbeit zwischen professionellen Tänzern und Behinderten zu ermöglichen. In der Begründung des Theater Zentrums steht, daß OloTila Themen unsere Gegenwart in einem künstlerisch ehrgeizigen Stück präsentiert, das Wirkungen weit über die eigene Zielgruppe hinaus hat. Dieses Tanzstück mit behinderten und nicht behinderten professionellen Tänzern ist ein ironisches, liberales und ambitiöses Kunstwerk, das keine Kompromisse macht und sich auch nicht vor Gesellschaftskritik scheut. Rajat’on ist seit 1994 aktiv mit dem Ziel, verschiedene Ausdrucksformen des Tanzes zu suchen, die unterschiedliche Menschen verbindet. Die Premiere von Olotila war am 13 September 2000 im Zodiak Theater in Helsinki und war anschließend für die ganze Herbstsaison ausverkauft. Die Choreographie ist von Tomi Paasonen, der auch das Stück mit 9 Tänzern insziniert hat. Nyt Lehti, Jetzt Magazin Behinderte, die tanzen Wenn das neue Jahr beginnt, werden Kritiker oft gefragt, was das Beste vom letzten Jahr war. Mich fragt nie jemand, also frage ich mich selbst: Was war die beste Tanzvorstellung die ich im Jahr 2000 gesehen habe? Nach einer kurzfristigen Verzögerung antworte ich: “Es gab viele gute, aber wohl die aller-beeindruckendste muß OloTila (=ZuStand) gewesen sein. Welcher Stand? “Na ja, das von Tomi Paasonen choreographierte und inszenierte Tanzstück für behinderte und nicht-behinderte Tänzer der Rajat’on Tanz Gemeinschaft.” Welcher Paasonen? “Dieses junge Spitzentalent, das eine Decke auf den Kopf gekriegt hat mitten im Tanztraining. Da war die Tanzkarriere gleich vorbei, aber zum Glück ist das rasiermesserscharfe Gehirn intakt geblieben.” Und warum dieses Stück? “Weil es um ganz dramatische und dunkle Sachen geht, die undepressiv erzählt werden ohne irgendwelche Menschenrechte verkünden zu wollen. Ich kann mich nicht erinnern, je Tanz gesehen zu haben, der so viele Gefühle geweckt hat, von Tränen der Rührung bis zum hysterischen Lachen.” Ich bin nicht der Einzige, der sich in OloTila verliebt hat. Letzten Herbst waren alle Vorstellungen ausverkauft und wegen hoher Nachfrage wird das Stück im Zodiak Theater wieder aufgenommen. Im Zodiak sagt man, daß wer noch eine Karte haben will, sich beeilen muß. |
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