17.10.2002, Helsingin Sanomat, Arja Maunuksela

Eine andere, fabelhafte weibliche Schönheit


Eine Werbung im Straßenbahn hat meine Aufmerksamkeit geweckt: "Festkleid", Tomi Paasonen und Tuuli Helkky Helles Photoausstellung, und ein Hinweis auf ein Fabel-Projekt. Das Bild hatte mich gefesselt, aber war es wegen der merkwürdigen Form des Körpers, oder der Winkel die die Illusion kreierte von einem schwebenden Körper.

Beides, wie die Ausstellung verrät. Die Bilder sind von einer behinderten Frau, entkleidet und ohne Rollstuhl, in verschiedenen Umgebungen, vom Wald bis zur schwarzer Leere.

In das Fabel-Projekt geht es um die Unterstützung von Minoritätskünstler, aber es verleiht dieser Ausstellung auch eine passende mythische Einrahmung. Die Ausstellung ist keine medizinische Studie, aber eine märchenhafte Photoserie einer physisch abweichenden kleinen Frau, die wie eine mystische Wissenschaftlerin oder Elfenkönigin, eine Figur dessen Andersartigkeit nicht minderwertig ist, sondern eine auffallende Kraft besitzt.

Sicher haben viele Künstler das Thema Behinderung aufgenommen, und doch ist es mehr ein Tabu als Nacktheit oder Geschlecht, die häufig in die zeitgenössische Kunst aufgegriffen wird. Aber Helles und Paasonens Weise das Thema zu behandeln ist einzigartig, in ihre Intimität berührend und substantiell, und auch visuell ergreifend. Paasonen kennt das Thema auch persönlich. Seine Tänzerkarriere beendete vorzeitlich wegen eines Unfalls.



Mirja Tossavainen, 30.7.2003 Savon Sanomat

Im Grenzgebiet der Schönheit


Im Photoausstellung des Festivals eine Schwer behinderte, bejahrte weibliche Körper. Das Marginalthema des Festivals ergreift berührend die am Dienstag eröffnete Photoausstellung von unseren Internationalen Choreographen Tomi Paasonen, die „Festkleid“ heißt.

Und um den Körper geht es wirklich, aber nicht um die üblichen ewige Jugend verherrlichende und in künstliche Formen gezwungenen Schönheitsideale. Nein, hier war die Natur selbst der Designer.

Der Model ist die schwer behinderte 70 jährige Künstlerin Tuuli Helkky Helle, nackt, verblüffend, anders schön wie eine ungeborenes Embryo, besonders in den schwebenden Studiophotos. Einerseits sitzt sie wie eine Elfenkönigin zwischen zwei riesige Hunde, anderseits ruht sie in der Natur, im Heuhaufen, und letztendlich krass, kaum auf ihre Füße stehend gegen rohe Bunkerwände.

Kein Wunder dass diese Ausstellung, die von der EU:s „Fabel – grenzenlose Kunst“ Kulturprojekt geförderten und zum Anlass des behinderten Jahres produzierten Projekts, große Aufmerksamkeit in Helsinki letzten Herbst bekam. Seitdem ist die Ausstellung in Lohja, Forssa und San Francisco zu sehen gewesen.

„Man hat meistens die Ausstellung sehr offen entgegengenommen, obwohl es manchmal auch verärgerte Stimmen über „die Exhibitionismus einer Behinderten“ zu hören gibt. Aber eine Aufgabe der Kunst ist es ja andere Perspektiven hervortreten zu lassen und Reaktionen und Gedanken zu wecken“, sagt Paasonen.

Die natürliche Wahl

Paasonen sagt das genau wie das älter werden eine unvermeidbare Naturgesetz ist, ist der Vielfalt der unterschiedlichsten Formen auch Reichtum. Entwicklung entsteht gerade durch Mutationen.

„Ich arbeite auch viel mit Haut Themen, als Grenze zur Außenwelt, Oberfläche, Schutz, Identität. Die letzten fünf Jahre sind meine Themen sehr physisch gewesen. Es ist natürlich wenn man physisches Theater macht.“

Auf Pyhäjärvi zeigte Paasonen vor zwei Jahre das Stück OloTila (ZuStand), wo Tuuli auch mitwirkte als Prima Ballerina. Sie wiederum entwickelte die Idee einer Photoausstellung inspiriert von die Schauspielerin Soli Labbart, die ihren alternden Körper auf Photos ausstellte.

„Ich habe angefangen meinen behinderten Körper als Festkleid zu benennen. Ich traue es, dass es genau das richtige Kleid für diesen Lebensfeier ist, obwohl ich nicht ganz genau weis warum,“ schreibt die auch sprachlich behinderte Helle in ihrem 1996 ausgegebene Dichtsammlung Das Leben ist Erleuchtung. Außer Tanz und Dichtung, malt sie auch viel.

Unvorhergesehene Schaufenster

Die zwei Jahre gedauerte Zusammenarbeit hat in einer fünfteiligen Vollheit mit über zwanzig Bildern resultiert. Jetzt erst ist sie fertig, denn die letzten Aufnahmen wurden erst vor ein Paar Tagen entwickelt und sind jetzt zum ersten Mal zu sehen. Sie zeigen den Körper als ein Schaufenster der kommerzialisierten Produktes. In ähnliche Spuren ist Paasonen in seine choreographischen Bühnenwerke. Zum Beispiel einer seiner in England produzierten Stücke handelt um Schönheitschirurgie. „Sich mit Botox zu spritzen und Steroide aufschwellen lassen ist auch eine Art freiwillige Behinderung.“

Immer wieder treffen sich die beiden Künstler in Helsinki, und planen aus dem ganzen photomaterial auch noch ein Buch zu machen, auch mit Poesie von Helle.

Tomi Paasonen reist viel, seine nächste Premiere ist im Oktober in Berlin, seine neue Heimat nach den Jahren in San Francisco.



Nordkultur Magazin, Berlin

Festkleid


Die Idee zu einer Fotoserie hatte das Modell selbst. Die 70-jährige Tuuli Helkky Helle vermisste Bilder, die die üblichen Vorstellungen von Schönheit auf den Kopf stellen. Und ihr wurde klar, dass nur das Abbilden eines sowohl gealterten als auch offensichtlich behinderten Körpers diesen Bruch mit der Norm konsequent umsetzen kann. Also beschloss sie, sich selbst der Kameralinse auszusetzen. Sie, die aufgrund ihrer schweren Behinderung auf Hilfe angewiesen ist, hat nie wählen können, wem gegenüber sie sich nackt zeigt. In Zusammenarbeit mit Tomi Paasonen hat sie sich ihren Körper in Bildform angeeignet.

Diesen Körper, ihr `Festkleid´ hat Paasonen in die Natur plaziert. Assoziationen von Wasser und Feuer - die Frau und die Elemente werden verbunden zu einer kosmischen Ursprünglichkeit.

Da sitzt sie wie ein Fabelwesen, eine finnische Elfenkönigin, zwischen zwei riesigen Hunden oder schwebt in einer mysteriösen räumlichen Leere wie ein Embrio. Arbeiten aus der Peripherie der Körperlichkeit, von einer träumerischen Harmonie und eigenartiger Schönheit.

Vor den Steinen einer kalten grauen Mauer: scheint sie die Betrachter nach den Hürden in den eigenen Köpfen zu fragen. Paasonen spielt mit dem Spannungsverhältnis zwischen zwischen Phantasie und Realismus.

Eine andere Bildfolge zeigt sie im knallblauen Bikini vor Schaufenstern. Wie das Glas strahlt sie Zerbrechlichkeit und gleichzeitig Stärke aus. Im Kontrast zu dessen Halbtransparenz erscheint sie wie eine Fata Morgana - eine Illusion von Realität. Das Spiegelbild des Fotografen verstärkt noch die Verwischung von Wahrheit und Vorstellung.

Diese Bilder faszinieren.



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